Erntedank

Predigt zum Erntedank 2021
Wir feiern Erntedank. Jedes Jahr um die gleiche Zeit, am letzten Sonntag im September. Der Erntedank ist schon so etwas wie eine Institution, etwas, das stattzufinden hat wie Allerheiligen oder Weihnachten, eine schöne Feier, die wir so wie vieles im Leben einfach, ohne viel nachzudenken, konsumieren.
Darum möchte ich euch einladen, dass wir zu Beginn innehalten und uns bewusst machen, welche Früchte uns für unser Leben geschenkt sind. Welche Erntegaben sind es, die mein Leben reich machen, die mir Kraft und Erfüllung geben für mein Leben?

Danken wir für die materielle Ernte: für die Früchte der Erde, für Nahrung und Kleidung, für meinen Arbeitsplatz, für das Einkommen und die Pension, für mein Zuhause, …
Danken wir aber auch für die reiche Ernte der Begegnungen: in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Pfarrgemeinschaft, für ehrliche Freundschaften, für Beziehungen, die aufrichten und Mut machen, für das Kennenlernen neuer Menschen, …
Danken wir auch für alle neu gewonnenen Erfahrungen und Sichtweisen, für die Ernte von gelösten Konflikten, für das Bemühen umeinander, für das Wahrnehmen von Verantwortung…
Danken wir für die alten Menschen, die so viel aufgebaut haben und uns an ihren Erfahrungen teilhaben lassen, für die Kinder, die uns Freude schenken und unser Leben hoffnungsvoll machen, für alle, die arbeiten, damit wir ein gutes Leben haben…
Danken wir für die Ernte des Glaubens: für Gottesbegegnung im Gebet, im Gottesdienst, in der Natur, in Liedern und durch liebende Menschen, ……
Danken wir für das Zwischenmenschliche: für geschenkte Zeit, für Vergebung und Versöhnung, für das Verstandenwerden, für Wertschätzung, für Hilfe und Unterstützung…
Danken wir für die Ernte aus Freizeit und Urlaub: für Erholung und Entspannung, für Gesundheit und Kraft …
Danken wir für die Erfolge der Wissenschaft, die Fortschritte in der Medizin, für die aufopfernde Arbeit der Menschen in den Pflegeberufen, die oft weit über die Grenzen der Belastbarkeit hinaus für andere da sind…
Und danken wir für die Früchte der Begabungen und Talente, für unsere Lernfähigkeit…

Ist es nicht unglaublich, wie viele Gründe und Anlässe wir haben, dankbar zu sein? Wir dürfen nur nicht vergessen, sie uns immer wieder bewusst zu machen. Wenn wir alles, was uns geschenkt ist, als selbstverständlich hernehmen, gebrauchen, verbrauchen und vielleicht sogar zugrunde richten, so ist das eine Fehlentwicklung, an der nicht nur wir selbst zu leiden haben, sondern die Schöpfung als Ganzes. Wir müssen wieder ein Bewusstsein entwickeln, dass alles, was uns wertvoll ist, auch auf unseren Schutz angewiesen ist, dass wir dafür und füreinander verantwortlich sind. Aus dem Dank heraus müssen wir uns unserer Verantwortung für unsere natürliche Umgebung bewusst werden. Sonst werden die Beziehungen zwischen den Menschen langsam vergiftet: Merken wir es überhaupt, wenn sich in unserer Gesellschaft Unzufriedenheit und Feindseligkeiten breit machen, Neid und Geiz und andere Haltungen, die das eigene Ich, den eigenen Vorteil in den Mittelpunkt der Welt stellen?
Papst Franziskus hat in seiner wegweisenden Enzyklika „Laudato si“ unsere Erde als unser gemeinsames Haus bezeichnet – das gemeinsame Haus der gesamten Menschheitsfamilie. So wie es in einer Familie schwierig und mit der Zeit untragbar ist, wenn jemand immer auf Kosten der anderen lebt, überall seinen Dreck liegen lässt und rücksichtslos seine eigenen Interessen durchsetzt, so ist es auch innerhalb der Weltordnung. Sie ist zunehmend aus den Fugen geraten, weil die, die ohnehin zu wenig haben, schamlos ausgebeutet werden, weil aus Profitgier ohne Rücksicht auf die kommenden Generationen ausgebeutet, vernichtet und getötet wird. Auch das, was wir in Österreich tun, hat seine Auswirkungen auf die ganze Welt – im Guten wie im Schlechten.
Natürlich sagen viele: Was kann ich schon bewegen, auf mich kommt es doch gar nicht an… und tun nichts fürs Klima oder für die Menschen in den benachteiligten Ländern der Welt. Ausreden, Ausreden! Jeder und jede Einzelne zählt, und viele Tropfen ergeben auch eine Menge Wasser. Niemand auf der Welt – ich schon gar nicht – kann von sich behaupten, alle Zusammenhänge zu durchschauen, und wir alle haben Fehler und machen Fehler. Aber es ist so ungemein wichtig, dass wir kritisch und selbstkritisch die Vorgänge auf der Welt betrachten, Zusammenhänge zu durchschauen versuchen und uns dort einmischen, wo Ungerechtigkeiten passieren und die Freiheit in Gefahr ist – nämlich dort, wo jemand mit seinem Handeln die Freiheit anderer durchkreuzt – mit anderen Worten: die Goldene Regel missachtet: Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen. Diese Goldene Regel steht in der Bergpredigt Jesu und wartet seit 2000 Jahren darauf, dass sie eingehalten wird – in den Familien, in der Politik, im Zusammenleben von uns Christen, zum Wohl aller.
Liebe …, wir leben in einer Zeit, in der eine Krise die andere zu jagen scheint. Ob Corona-, Klima- oder Wirtschaftskrise, wir können alles nur im Miteinander bewältigen, im Zusammenhelfen und Füreinander-Dasein. Aus dem Danken heraus tun wir gut daran innezuhalten und uns bewusst zu machen, wie abhängig wir von dem sind, was wir der Mutter Erde abringen oder, gläubig ausgedrückt, was wir dem Schöpfer verdanken. Mehr als in anderen Jahren machen uns die gegenwärtigen Krisen aber auch bewusst, wie viel wir einander verdanken durch das Mitwirken eines/r jeden an unserem Wohlstand. Wir tun gut daran, diesen Dank einmal bewusst auch auszusprechen, all denen, die sich aufbauend in das Leben der Gesellschaft einbringen; dieses Jahr ganz besonders denen, die infolge der Krisen besonderen Belastungen ausgesetzt sind.

Vergessen wir aber auch nicht, über den sprichwörtlichen Tellerrand hinauszuschauen auf die, deren Teller nur sehr dürftig gefüllt oder gar leer sind. Es wäre ein scheinheiliger Dank, wenn wir die Fragen nach der gerechten Verteilung der Lebensgüter ausblenden und wenn wir auf all jene vergessen würden, die keinen Zugang zu dem haben, was Gott uns allen geschenkt hat. Unsere Mitmenschlichkeit, unsere Bereitschaft zu helfen, unser Beitrag gegen den Hunger in der Welt: Das wäre dann die Frucht des Weinstocks, von der Jesus im Evangelium spricht. Unser Dank, der Gutes bewirkt in der Welt und zum Segen wird. Amen

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